Hinweis für alte Mitglieder: Bitte dieses Thema lesen und die Schritte zur Anmeldung befolgen »
Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Little Bastard
#1
Falls ihr eine Vertonung vorzieht, findet ihr sie hier. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen bzw. Zuhören.

---

Jedes Jahr bat ich meine Zweitklässler darum, ein Bild von dem zu malen, was sie am meisten fürchten.
 
Wir besprechen die Zeichnungen in der Klasse. Es hilft den Kindern, sich ihren Ängsten zu stellen und diese zu kontrollieren.
 
Haie in den 70ern, Clowns und Atombomben in den 80ern, Serienkiller in den 90ern, neulich Waffen und Gefängnisstrafen.
 
Manche Ängste sind albern und über andere traue ich mich gar nicht erst, zu reden. Aber von Anfang an kam eine Sache mit erstaunlicher Häufigkeit vor – zwei oder drei Mal in jeder Klasse. Abgesehen von leichten Abwandlungen in Perspektive und Stil ist es im Grunde immer das gleiche Bild:
 
Ein Junge sitzt hoch in den Bäumen, die auf dem Gelände der Mittelschule nebenan wachsen, auf der gegenüberliegenden Seite unseres Spielplatzzauns. Er schmeißt Steine auf die verängstigten Kinder unter ihm.
 
„Gott helfe dem kleinen Bastard, wenn ich ihn bei Steinewerfen erwische!“, würden wir Lehrer zueinander sagen. Aber wir haben nie jemanden erwischt.
 
Mittelschüler sind schneller als kleine Fische und die Opfer waren keine Hilfe – sich weigernd, etwas auszuplaudern oder zurückzuwerfen.
 
Meine Kollegen glaubten, es sei ein perverser Übergangsritus: Kleine Kinder ertrugen die Schmähung, bis sie selbst an der Reihe waren, zukünftige Generationen mit Steinen zu bewerfen.
 
Jedes Jahr würde ich eine Auswahl aus mehreren Jahren dieser Zeichnung hochhalten. „Worum handelt es hierbei?“ würde ich fragen. „Schlägertypen?“
 
Die Kinder würden ihre Köpfe schütteln. „Geister!“, würden sie sagen.
 
Hier ist der seltsamste Teil: Sie malten den Jungen immer auf die gleiche Art und Weise: Roter Hut, ein Auge etwas größer als das andere, braune Schuhe.
 
Wie soll ich mir das bloß erklären? Ich konnte es nicht. Alles, was ich tun konnte war, diesen armen Kindern meine Standpauke über Mobbing zu halten und ihre Zeichnungen in meine Schreibtischschublade zu stopfen mitsamt dem Rest von diesen.
 
Dann im letzten Sommer fällte die Mittelschule die Bäume und baute eine neue Sporthalle dorthin. Alle Lehrer waren begeistert. „Keine Steine mehr!“, sagten wir zu einander. ‚Keine Geister mehr!‘, dachte ich mir.
 
Stellt euch also mein Entsetzen vor, als mehr als die Hälfte meiner Klasse in diesem Jahr erneut dieses verdammte Bild malte.
 
Sicher, die Bäume wurden durch die Sporthalle ersetzt und der Geisterjunge war verschwunden, aber der Rest war genau gleich: Kinder weinend, blutend, zuckend, kriechend im Dreck.
 
Ich verteilte die Zeichnungen auf meinem Tisch und berief Tanner ein. Ein Kind, dem ich zutraute, einen offenen und ehrlichen Charakter zu haben.
 
„Was hat das zu bedeuten?“, fragte ich. „Der Junge ist verschwunden. Er kann nun keine Steine mehr auf euch werfen.“
 
„Nicht auf uns!“, sagte Tanner, auf etwas in jedem Bild zeigend. Ich holte die Zeichnungen der vergangenen Jahre raus und Tanner fuhr fort, bei diesen ebenfalls auf etwas hinzuweisen.
 
„Er zielt aus sie!“
 
Ein kleines Mädchen – zitronengelbes Kleid, die Haare zu Zöpfen geflochten. Ich hatte sie zuvor noch nicht bemerkt, da sie bei den anderen Kindern kauerte – ängstlich – nicht länger.
 
In den neusten Zeichnungen stand sie aufrecht, das Kinn nach oben gerichtet, lächelnd.
 
Tanner sprach in einem Flüstern – fast zu leise, um es zu hören: „Und nun gibt es niemanden mehr, der sie aufhalten kann.“

---

Quelle: https://www.reddit.com/r/shortscarystori...e_bastard/
Übersetzer: catterhacker
Zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste